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Hagenbecks Völkerschauen

Das 1907 zur Eröffnung des Tierparks eingeweihte und denkmalgeschützte Historische Jugendstil-Tor schmücken auch nach der Restaurierung lebensgroße Bronzeplastiken, die neben Tieren auch Menschen darstellen. Nachgebildet werden ein Nubier aus dem heutigen Sudan und ein Lakota-Sioux aus den USA. Schöpfer war der Bildhauer Rudolf Franke (1860–1933), der zur gleichen Zeit auch das Denkmal des Firmengründers G. C. Carl Hagenbeck (1881–1887) gestaltet hat. Die beiden als Krieger gezeigten Figuren stehen stellvertretend für die Darsteller aus aller Welt, die einst fester Bestandteil der Geschichte des Tierparks waren: die Völkerschauen.

Elefant Symbol Die Historie der Völkerschauen

Seit dem 16. Jahrhundert gab es in Europa öffentliche Aufführungen mit Angehörigen von Volksgruppen, zunächst aus Amerika, die durch Ihre Exotik und Fremdartigkeit bei den Besuchern für Neugierde sorgten. In den kommenden drei Jahrhunderten bereisten Forscher und Entdecker aus Spanien, Frankreich und England viele Länder der Welt. Vertretern indigener Völker unterbreiteten sie bei Gelegenheit Angebote für Arrangements bei Vorläufern der späteren Völkerschauen in Europa. Sie wurden an kaiser-, könig- oder fürstlichen Höfen vorgestellt oder an Impresarios weitervermittelt, um auf Jahrmärkten oder in Gasthäusern vorgestellt zu werden.

Mit zunehmender verkehrstechnischer Erschließung fremder Länder machten immer mehr europäische und US-amerikanische Unternehmer im 19. Jahrhundert Geschäfte mit dem Interesse an fremden Kulturen. 1822 stellte William Bullock (1793–1849), ein Sammler und Händler natur- und völkerkundlicher Objekte, in London vor einem bemalten Polar-Panorama eine Gruppe von „natürlich“ bekleideten Lappländern – heute spricht man von Samen oder Sámi – samt ihrer Rentiere aus.

Erste Völkerschau_Lappländer, Samen
Archiv Hagenbeck, Hamburg

Elefant Symbol

Carl Hagenbeck mit Somalis auf dem Weg nach London 1895
Archiv Hagenbeck, Hamburg

Erst 1875 veranstaltete Carl Hagenbeck (1844–1913) in seinem ersten „Thierpark“ am Neuen Pferdemarkt im Hamburger Stadtteil St. Pauli mit Lappländern und Renen seine erste Völkerschau. Die Anregung kam von einem Freund, dem Schriftsteller und Tiermaler Heinrich Leutemann (1824–1905), der in Leipzig eine ähnliche Völkerschau gesehen hatte. Hagenbeck sprach bei seinen Veranstaltungen von einer „anthropologisch-zoologischen Schaustellung“. Sein Ansatz war und blieb – mit wenigen Ausnahmen – die Symbiose von Tiervorführungen mit artistischen Darbietungen. Über die nächsten sechs Jahrzehnte veranstaltete die Firma Carl Hagenbeck mehr als 70 Völkerschauen unterschiedlichster Couleur in und außerhalb Hamburgs. Die meisten waren erfolgreich und für Veranstalter sowie Teilnehmer gewinnbringend. Hagenbecks Völkerschauen zogen an manchen Tagen über 90.000 Zuschauer an. Die erfolgreichste Völkerschau mit Sioux-Indianern und Cowboys brachte dem Tierpark in Stellingen 1910 mit über einer Million Zuschauern die bis dahin höchste Besucherzahl in einem Jahr. Aufzeichnungen und Briefe belegen, dass ein Großteil der Akteure mit dem Engagement bei Hagenbeck zufrieden waren. Die Vergütung und andere Modalitäten wie An- und Rückreise, Unterbringung und Verköstigung wurden im Vorhinein mit allen Darstellern oder ihren Agenten vertraglich geregelt. Diese Rahmenbedingungen führten dazu, dass viele Gruppen mehrfach bereitwillig bei Hagenbeck angestellt waren. Von den 1880er- bis in die 1920er-Jahre hinein standen zum Beispiel immer wieder Somalis derselben Clans bei Hagenbeck unter Vertrag.

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Auch über die Tore Hamburgs hinaus veranstaltete Hagenbeck Völkerschauen. Eine davon war das „Ceylon Village“, das 1908 in London gezeigt wurde und innerhalb von sechs Monaten im Rahmen einer britisch-französischen Kolonialausstellung mehr als fünf Millionen Besucher anzog. Charles Darwin (1809–1882) gehörte, ein Jahr vor seinem Tod, zu der halben Million Zuschauer, die in Paris Hagenbecks Feuerländerschau besucht haben. Erst mit dem Durchbruch des Tonfilms als Mittel der Massenmedien ließ das Interesse an den Völkerschauen nach. 1932 fand die letzte Völkerschau in Stellingen statt: eine Tscherkessenschau mit Reitkunstvorführungen zum Jubiläum des fünfundzwanzigjährigen Bestehens des Tierparks.

Letzte Völkerschau mit Tscherkessen und Kuban-Kosaken
Archiv Hagenbeck, Hamburg

Elefant Symbol Tragische Zwischenfälle und kritische Stimmen

Erste Eskimoschau 1877
Archiv Hagenbeck, Hamburg

Neben dem Erfolg der Völkerschauen gab es auch Kritik an der Durchführung und der Versorgung der Teilnehmer. Nicht alle Darsteller waren im Nachhinein zufrieden mit dem Ablauf ihrer Engagements. In den Anfängen der Schauen gab es Vorkommnisse mit tragischem Ausgang. Die acht Inuit (damals Eskimos genannt), die der norwegische Forschungsreisende Adrian Jacobsen (1853–1947) 1880 für eine Tournee durch Europa gewinnen konnte, starben alle an Pocken. Man versäumte damals bedauerlicherweise die rechtzeitige Impfung der Darsteller. Die Empörung der vermittelnden Herrnhuter Missionare auf Labrador war verständlicherweise groß. Im Jahr darauf ließ Hagenbeck elf Feuerländer (Kawésqar) nach Europa kommen. Bevor die Gruppe zum Tournée-Ende Hamburg erreichte, starben auf dem Weg durch Europa fünf von ihnen an Schwindsucht, Lungenentzündung und Masern. Daraufhin ließ Hagenbeck die Überlebenden umgehend zurück nach Chile bringen, um weitere Erkrankungen zu verhindern. Nach diesen tragischen Vorfällen kam es ab 1882 bei Hagenbeck zu keinen weiteren Todesfällen mehr.

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Viel Kritik erfährt Hagenbeck seit vielen Jahren aufgrund seiner Zusammenarbeit mit Rudolf Virchow, dem bekannten Pathologen und Anthropologen aus Berlin, dem häufig vorgeworfen wurde, aus menschenverachtenden, rassistischen Motiven anatomische Vermessungen an Teilnehmern einiger Völkerschauen vorgenommen zu haben. Allerdings setzte sich gerade Virchow, der von 1880 bis 1893 liberaler Abgeordneter im Reichstag war, nachweislich gegen Rassismus, Antisemitismus und die Kolonialpolitik des Reiches ein. In Hamburg selbst hat es offenbar nie solche Untersuchungen gegeben, und Carl Hagenbeck setzte auch immer voraus, dass Anthropologen und Anatomen bei ihren Projekten vorher das Einverständnis der beteiligten Teilnehmer einholen.

Carl Hagenbeck
Archiv Hagenbeck, Hamburg

Elefant Symbol Die heutige Kritik an den Völkerschauen

Singhalesenschauen
Archiv Hagenbeck, Hamburg

Fast einhundert Jahre nach der letzten Völkerschau 1932 wirkt die Vorstellung, dass Vertreter fremder Kulturen von zahlendem Publikum in einem Tierpark bestaunt werden konnten, unvorstellbar. Hingegen finden auch heute noch in Deutschland Veranstaltungen mit Artisten und Musikern außereuropäischer Kulturen auf Festivals oder in Kulturzentren statt. 

Trotz zahlreicher, umfangreich recherchierter Veröffentlichungen zu den Völkerschauen, werfen Kritiker dem Tierpark Hagenbeck heute mangelnde Aufarbeitung vor und verbreiten die Ansichten, dass bei Hagenbeck „sklavenähnliche Beschäftigungsbedingungen“ geherrscht haben oder niedere Absichten hinter den Schauen steckten. Dafür gibt es keinerlei Studien oder verwertbares Material, welches solche Aussagen belegen. Häufig wird Hagenbeck vorgeworfen, mit seinen Völkerschauen auch bewusst den Kolonialismus des Deutschen Reichs gefördert zu haben. Allerdings zeigen aktuelle Aufarbeitungen, dass der Kolonialismus, wie wir ihn heute verstehen, seine Wurzeln in der europäischen Expansion des späten 15. Jahrhunderts hat. Es war kein plötzliches Ereignis, sondern ein Prozess, der durch technische Fortschritte, wirtschaftliche Gier nach Gold und Ressourcen sowie religiösen Eifer angetrieben wurde. Seine Folgen wirken bis heute nach, teilweise in neuer Form.

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Manche Kritiker fordern die Umbenennung des Tierparks, die Demontage des Historischen Jugendstil-Tores, die Demontage der Bronze-Skulptur „Mann auf Giraffe“ von dem Bildhauer Stephan Balkenhol, die Umbenennung der Hagenbeckallee, finanzielle Unterstützung von Angehörigen damaliger Darsteller, die Schaffung einer Gedenktafel und vieles mehr. In enger Abstimmung mit dem Denkmalschutzamt ist die Aufarbeitung der Geschichte nicht durch den Denkmalsturz, sondern vielmehr durch inhaltliche Aufklärung anzugehen.

Die alten Völkerschauen als Institution bleiben kontrovers, und das Bedürfnis vieler Kritiker, sie zu pauschalisieren, ist groß. Wie die Historikerin Anne Dreesbach 2005 anmerkte, waren die Völkerschauen „in erster Linie kommerzielle Unternehmungen. Sie waren eine äußerst erfolgreiche Gattung der Schaustellerei und müssen vor allem in diesem Kontext gesehen werden.“

 

Eröffnung des Historischen Jugendstil-Tores 1907
Archiv Hagenbeck, Hamburg

Aus heutiger Sicht sind Völkerschauen in zoologischen Einrichtungen nicht mehr vorstellbar und stehen im klaren Widerspruch zu unseren Wertvorstellungen und ethischen Maßstäben. Gleichzeitig sind Sie jedoch Teil der Hagenbeck-Historie und spiegeln die historische Entwicklung des Tierparks sowie das damalige Interesse an anderen Völkern wider. Als Teil der eigenen Geschichte ist es Hagenbeck wichtig, dieses geschichtliche Kapitel offen zu benennen und zu reflektieren.

Elefant Symbol Literaturempfehlungen

Plakat zur Bewerbung der damals besonders beliebten Somalischauen
Archiv Hagenbeck, Hamburg

Für mehr Informationen über die Entwicklung und Folgen der Völkerschauen bei Hagenbeck empfehlen wir folgende Veröffentlichungen. Alle Autoren haben das Thema Völkerschauen jahrelang gewissenhaft und vorurteilsfrei erforscht und hatten bei Bedarf Zugang zum Archiv des Tierparks Hagenbeck.

  • Für fünfzig Pfennig um die Welt – die Hagenbeckschen Völkerschauen“, Hilke Thode-Arora, Campus-Verlag, 1989

  • „Gezähmte Wilde – die Zurschaustellung ,exotischer‘ Menschen in Deutschland 1870–1940“, Anne Dreesbach, Campus-Verlag, 2005

  • „Carl Hagenbeck’s Empire of Entertainments”, Eric Ames, University of Washington Press, 2008

  • „From Samoa with Love? Samoa-Völkerschauen im Deutschen Kaiserreich“, Hilke Thode-Arora, Herausgeberin, Hirmer, 2014

  • „Staged Otherness – Ethnic Shows in Central and Eastern Europe, 1850–1939“, Dagnosław Demski und Dominika Czarnecka, Herausgeber, Central European University Press, 2021

  • „Savages and Beasts – the Birth of the Modern Zoo”, Nigel Rothfels, zweite, überarbeitete Auflage, Johns Hopkins University Press, 2025

  • „Trader of Traditions – Johan Adrian Jacobsen as Collector of People and Things”, Cathrine Baglo, Herausgeberin, Scandinavian University Press, 2025

  • In Zusammenarbeit mit dem Hagenbeck-Archivar hat Herr Dr. Christoph Pallaske, Historiker und Geschichtslehrer als unabhängiger Autor die Geschichte der Völkerschauen umfänglich und eigenständig im bekanntesten Online-Lexikon der Welt Wikipedia veröffentlicht. Teile dieser Aufarbeitung der Völkerschauen durch Herrn Pallaske wurden von Wikipedia das Prädikat „exzellente Artikel“ verliehen. 

 

Archivar Herman Reichenbach / Pressestelle Hagenbeck

Mai 2026

 

Das komplette Statement zu den Hagenbeck´schen Völkerschauen steht Ihnen hier zum Download bereit. 

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